Kunst der Fuge (Ballett)

Kunst der Fuge (Ballett)

Datum: 15. Juni 2019
Komposition: Johann Sebastian Bach
Produktion: Oldenburgisches Staatstheater, Ballett
Ort: Oldenburgisches Staatstheater, Oldenburg

Die Kunst der Fuge

Choreografie von Antoine Jully – Uraufführung
Musikalisches Arrangement und Stimme: Gunnar Brandt-Sigurdsson

Die streng geometrische Form der Fuge, der die Komposition folgt, barg für Johann Sebastian Bach auch eine große Freiheit: Er nutzte die beinahe unermesslichen Möglichkeiten der Kombination mit Spiegelungen, Doppelfugen und kanonischen Elementen zwischen den Stimmen und fand in dieser Formenstrenge immer wieder erstaunliche Wendungen und Klänge. Dem erst posthum erschienenen Werk fehlt die Angabe zur Instrumentierung, und auch, wenn sich die musikwissenschaftliche Forschung inzwischen fast sicher ist, dass die Partitur für die zehn Finger eines Spielers vorgesehen war, gibt es ‚Die Kunst der Fuge‘ in zahlreichen Varianten über eine Orchesterfassung, für Streichquartett, Orgel, Cembalo bis hin zur Aufführung mit vier Saxophonen. Antoine Jully wird in seiner tänzerischen Umsetzung das ganze Spielfeld der in der Komposition angelegten geometrisch-architektonischen Möglichkeiten mit seiner Bewegungssprache ausloten. Dabei möchte er die Ideen und Ansätze Johann Sebastian Bachs – mit größtem Respekt vor dessen Komposition – in eine eigene Fassung transferieren, die sich besonders den in den Fugen angelegten Rhythmen widmen wird. Sein musikalischer Partner ist dabei der Oldenburger Sänger und Stimmkünstler Gunnar Brandt-Sigurdsson, der mit dem klanglichen Spektrum von Bachs Komposition spielt und zusätzlich Aufnahmen mit dem Ventapane Quartett des Oldenburgischen Staatstheaters, sowie dem Oldenburger Kantor und Organisten der St. Lamberti-Kirche, Tobias Götting, gemacht hat.

Besetzung

Choreografie und Kostüme: Antoine Jully
Musik: Johann Sebastian Bach, ‚Die Kunst der Fuge‘ BWV 1080
Musikalisches Arrangement und Stimme: Gunnar Brandt-Sigurdsson
Bühne: Georgios Kolios, Antoine Jully
Licht: Sofie Thyssen, Phillip Sonnhoff, Antoine Jully
Video: Georgios Kolios
Dramaturgie: Telse Hahmann
Mit: Laura Cristea/ Adi Hanan/ Maelenn Le Dorze/ Nicol Omezzolli/ Caetana Silva Dias/ Teele Ude/ Francesco Fasano/ Lester René González Álvarez/ Oliver Jones/ Herick Moreira/ Gianluca Sermattei

Musikalische Partner:
Tobias Götting, Orgel
Ventapane Quartett: Lev Gelbard, Birgit Rabbels, Christoph Rabbels, André Saad
Christoph Ogiermann, Klavierimprovisation

Termine

Premiere — 15.06.2019

15.06. 20.00 Uhr (Premiere)
19.06. 20.00 Uhr
21.06. 20.00 Uhr
22.06. 20.00 Uhr
30.06. 15.00 Uhr
02.07. 20.00 Uhr

Zum letzten Mal:
06.07. 20.00 Uhr Karten

Photo: © Stephan Walzl
Einblick in die Arbeit mit den Aufnahmen für das Ballett ‚Die Kunst der Fuge‘

Für die Gesangs-Aufnahmen zur Ballettaufführung „Die Kunst der Fuge“ habe ich zunächst viele kurze Testaufnahmen angefertigt. Da das Werk nicht für Stimme geschrieben wurde, sondern für die Hände auf einem Instrument, musste ich erst einmal einen Stimmklang finden, der eher instrumental, und im Ansatz perkussiv klingt. Die Tonhöhe war ebenfalls vorgegeben. Außerdem musste ich herausfinden, wie ich den Tonumfang der Stücke mit meiner Stimme realisieren kann, z. B. an welchen Stellen ich um eine Oktave springen kann. Viele der zwanzig Werke aus ‚Die Kunst der Fuge‘ von Johann Sebastian Bach besitzen einen ausgedehnten Tonumfang. Nicht zuletzt musste ich einschätzen, wie flink ich bestimmte Phrasen singen kann, die große oder nicht so geläufige Intervallsprünge aufweisen. Eine Herausforderung war natürlich auch, reine Intervalle zu singen, da die Kompositionen sehr anfällig für die geringste Verfärbung durch unpassende Tonhöhen sind. An einigen Stellen setze ich auch Obertöne ein.

Da ich mit mir selbst im Ensemble gesungen habe, musste ich bereits während der Aufnahme der ersten Stimme bewusst bestimmte Tonhöhen leicht nach oben oder unten korrigieren, je nachdem, welche Funktion sie in dem jeweiligen Akkord gerade hatten. Beim Contrapunkt 1 hören wir am Ende einen Chor in der höchsten Lage. Das sind 25 Stimmen, die ich alle einzeln gesungen habe.

Bei allen Stücken habe ich zunächst eine Guide-Spur aufgenommen, die als Orientierung für die weiteren Spuren diente. Das war meistens die Bass-Stimme. Diese habe ich nach Fertigstellung der anderen Aufnahmen am Ende noch einmal neu aufgenommen. Für die rhythmische Genauigkeit und Kontinuität sind die Aufnahmen mit Metronom erfolgt. Auch Ritardandi sind auf diese Weise mit eingearbeitet worden.

Die Orgel-Aufnahmen sind mit dem Kantor und Organisten Tobias Götting in der Lamberti-Kirche entstanden. Wir haben Glück mit jemandem zu arbeiten, der mit den Werken von Johann Sebastian Bach so vertraut ist. Für die Mikrofon-Aufstellung bin ich von Tonmeister Michael Brammann beraten worden, der dort bereits zahlreiche Aufnahmen gemacht hat. Die Aufstellung ist so gewählt, dass die einzelnen Mikrofone größtenteils einfach auf die Lautsprecher-Positionen im Kleinen Haus des Staatstheaters geroutet wurden, um so den Eindruck zu erwecken vom Klang des Kirchenraumes umgeben zu sein.

Bei der Mischung aller Aufnahmen habe ich darauf geachtet, dass der Klang seinen Ursprung tendenziell auf der Bühne hat, so dass der Tanz mit der Musik eine Verbindung eingeht.

Die Streicher-Aufnahmen habe ich mit dem Streichquartett Ventapane, deren Mitglieder aus dem Oldenburgischen Staatsorchester stammen, in der St. Stephanus-Kirche in Oldenburg-Bloherfelde gemacht. Ventapane hat ‚Die Kunst der Fuge‘ im Repertoire und hat das komplette Werk in einem von Lev Gelbard eigens angefertigten Arrangement mehrmals erfolgreich in Konzerten gespielt. Die St. Stephanus Kirche ist ruhig gelegen und hat einen sehr guten Raumklang für Aufnahmen.

Die Klavier-Aufnahmen mit den Improvisationen wurden mit Christoph Ogiermann durchgeführt. Er ist Komponist und lebt in Bremen. Die Cluster-Improvisation fasst jeweils die Noten einer bestimmten Passage als Cluster (vielstimmige „Klangwolke“ nahe beieinanderliegender Tonhöhen) zusammen. Diese Improvisation wurde mit einem Keyboard als MIDI-Daten aufgenommen und anschließend in der Universität auf einem speziellen Flügel ausgespielt, der diese MIDI-Daten wieder in gespielte Musik verwandelt. Dieses Instrument habe ich mikrofoniert und bei einigen Aufnahmen mit Gegenständen, wie Ping Pong-Bällen und Stoffen, präpariert. Die Chöre, die ich in diesem Stück gesungen habe, bestehen aus dissonanteren Akkorden, die eher im Jazz angewendet werden. Denn wenn Bach in seiner Komposition zwischen ternärem und binärem Rhythmus hin und her wechselt, höre ich das zuweilen mit dem „Jazzohr“ und die Barockmusik fängt dann an zu swingen.

Gunnar Brandt-Sigurdsson

 

For Johann Sebastian Bach, the strictly geometric form of the fugue, which the composition follows, also offered a great deal of freedom: he made use of the almost immeasurable possibilities of combining reflections, double fugues and canonical elements between the voices and found astonishing turns and sounds in this austerity of form. The work, which was published posthumously, lacks information on instrumentation, and even though musicological research is now almost certain that the score was intended for a player’s ten fingers, there are numerous variants of ‚The Art of the Fugue‘, ranging from an orchestral version, for string quartet, organ, harpsichord to performance with four saxophones. Antoine Jully will explore the entire playing field of the geometric-architectural possibilities in the composition with his language of movement. In doing so, he wants to transfer Johann Sebastian Bach’s ideas and approaches – with the greatest respect for his composition – into a version of his own, which will devote itself in particular to the rhythms laid out in the fugues. His musical partner is the Oldenburg singer and vocal artist Gunnar Brandt-Sigurdsson, who plays with the tonal spectrum of Bach’s composition and has also made recordings with the Ventapane Quartet of the Oldenburg State Theatre and the Oldenburg cantor and organist of the St. Lamberti Church, Tobias Götting.

Cast
Choreography and costumes: Antoine Jully

Music: Johann Sebastian Bach, ‚The Art of the Fugue‘ BWV 1080
Musical arrangement and voice: Gunnar Brandt-Sigurdsson
Stage: Georgios Kolios, Antoine Jully
Light: Sofie Thyssen, Phillip Sonnhoff, Antoine Jully
Video: Georgios Kolios
Dramaturgy: Telse Hahmann
With: Laura Cristea/ Adi Hanan/ Maelenn Le Dorze/ Nicol Omezzolli/ Caetana Silva Dias/ Teele Ude/ Francesco Fasano/ Lester René González Álvarez/ Oliver Jones/ Herick Moreira/ Gianluca Sermattei

Musical partners:
Tobias Götting, Organ
Ventapane Quartet: Lev Gelbard, Birgit Rabbels, Christoph Rabbels, André Saad
Christoph Ogiermann, piano improvisation

Dates & Events

Premiere – 15.06.2019

 

Insight into the work with the recordings for the ballet ‚Die Kunst der Fuge‘.

For the vocal recordings of the ballet performance „Die Kunst der Fuge“ I first made many short test recordings. Since the work was not written for voice, but for the hands on an instrument, I first had to find a voice that sounded rather instrumental, and at first percussive. The pitch was also given. In addition, I had to find out how I could realize the range of the pieces with my voice, e.g. where I could jump an octave. Many of the twenty works from ‚Die Kunst der Fuge‘ by Johann Sebastian Bach have an extended range. Last but not least, I had to assess how quickly I could sing certain phrases with large or less common interval jumps. Of course, singing pure intervals was also a challenge, as the compositions are very susceptible to the slightest discoloration due to inappropriate pitches. In some places I also use overtones.

Since I sang with myself in the ensemble, I had to consciously correct certain pitches slightly upwards or downwards during the recording of the first voice, depending on the function they had in the respective chord. At the end of contrapoint 1 we hear a choir in the highest position. These are 25 voices that I sang individually.

With all pieces I first recorded a guide track, which served as orientation for the other tracks. That was mostly the bass voice. After completing the other recordings, I re-recorded it at the end. For the rhythmic accuracy and continuity the recordings were made with metronome. Ritardandi were also included in this way.

The organ recordings were made with the cantor and organist Tobias Götting in the Lamberti church. We are lucky to work with someone who is so familiar with the works of Johann Sebastian Bach. For the microphone arrangement I was advised by sound engineer Michael Brammann, who has already made numerous recordings there. The arrangement was chosen in such a way that the individual microphones were for the most part simply routed to the loudspeaker positions in the Small House of the State Theatre in order to create the impression of being surrounded by the sound of the church room.

When mixing all the recordings, I made sure that the sound tended to originate on the stage, so that the dance was connected with the music.

I made the string recordings with the string quartet Ventapane, whose members come from the Oldenburg State Orchestra, in the St. Stephanus Church in Oldenburg-Bloherfelde. Ventapane has ‚The Art of the Fugue‘ in his repertoire and has successfully performed the complete work several times in concerts in an arrangement specially made by Lev Gelbard. The St. Stephanus church is quietly situated and has a very good surround sound for recordings.

The piano recordings with the improvisations were made with Christoph Ogiermann. He is a composer and lives in Bremen. The cluster improvisation summarizes the notes of a certain passage as a cluster (polyphonic „sound cloud“ of pitches close to each other). This improvisation was recorded with a keyboard as MIDI data and then played in the university on a special grand piano that transforms this MIDI data back into played music. I microphoned this instrument and prepared it for some recordings with objects such as ping pong balls and fabrics. The choirs I have sung in this piece consist of more dissonant chords, which are used more in jazz. Because when Bach changes back and forth between ternary and binary rhythm in his composition, I sometimes hear it with the „jazz ear“ and the baroque music then begins to swing.

Gunnar Brandt-Sigurdsson