FAITHFUL FESTIVAL BERLIN

FAITHFUL FESTIVAL BERLIN

Datum: 14.Oktober 2012
Komposition: Ondrej Adamek/Martin Schüttler
Produktion/Festival: Faithful Festival
Ort: Berlin

Jeder Interpret ist Teil einer Tradition, einer Schule, die mit seiner Persönlichkeit, seinem Geschmack und seinem Lehrern zusammenhängt. Wie verschieden die Klangkultur mitunter ist, wird deutlich, wenn man Musiker unterschiedlicher Prägung im direkten Vergleich hört. Darüber hinaus möchte faithful!  zwei infolge historischer Umstände vergessene Komponisten würdigen, die beiden Schönberg-Schüler Nikos Skalkottas und Józef Koffler.

# In der Musik des 20. Jahrhunderts ist die Bedeutung der Interpretation im musikalischen Schaffensprozess bisweilen fahrlässig heruntergespielt worden. Sieht man vom Interpretenkult, der vor allem seitens der Musikindustrie geschürt wurde, einmal ab, wurde das Werk als der eigentliche Gegenstand des musikalischen Diskurses drastisch aufgewertet.

# Was für die Geschichte der klassischen Musik gilt, lässt sich auch in anderen Genres beobachten. Im Bereich Popkultur wurde vor allem die Kategorie der Performativität bemüht, um über Unterschiede der musikalischen Darbietung zu sprechen, Kategorien, die es an einen diskurs-fähigen Interpretationsbegriff anzugleichen gälte. Die Coverversion und der Remix beschreiben hingegen Übertragungsphänomene, ohne dass dabei die Selbstständigkeit des Interpreten als Vergleichs- und Referenzgröße je näher betrachtet worden wäre.

# faithful! möchte den Interpretationsbegriff neu befragen und Interpretation als Kategorie des Sprechens über Musik rehabilitieren. Dabei sollen Situationen geschaffen werden, in denen die Unterschiede der musikalischen Praktiken offen zutage treten. Im Mittelpunkt steht dabei der Interpretationsvergleich, indem verschiedene Ensembles und Solisten dasselbe Werk aufführen. Dabei geht es sowohl um die Idee der Objektivität und der Werktreue, als auch um die Idee einer Schule, die mit national gefärbten Klangcharakteristika und einer oft bis ins 19. Jahrhundert zurückreichende Schüler-Lehrer-Verbindung einhergeht. Im direkten Vergleich wird vor allem deutlich, dass sich in den Ländern divergierende Interpretationsideale durchgesetzt haben. Musiker können bestätigen, dass in Frankreich Klarheit und das Timbre eine größere Rolle spielen als beispielsweise im deutschsprachigen Raum, dem man gerne eine stärker am Tonsatz orientierte Gewichtigkeit bescheinigt. Mit dem Interpretationsvergleich knüpft faithful! an die von den Dresdner Tagen für zeitgenössische Musik (2005) und den Donaueschinger Musiktagen (2008 & 2010) gegebenen Impulse an.

Björn Gottstein & Elke Moltrecht

# Nikos Skalkottas – “Duo” (1938) für Violine und Viola – Kaleidoskop
# Brian Ferneyhough – “Cassandra’s Dream Song” (1970) für Flöte – Kristjana Helgadóttir
# Ondřej Adámek – “Wortspiel 1″  (2012) für Countertenor  UA/AW – Kai Wessel
# Georges Aperghis – “Récitations Nr. 8, 9, 14″ (1978) für Stimme – Gunnar Brandt-Sigurdsson & Kai Wessel
# Mathias Spahlinger – “adieu m’amour – hommage à guillaume dufay” (1982/83) für Violine und Violoncello – Kaleidoskop
# Ondřej Adámek – “Wortspiel 1″  (2012) für Countertenor  UA/AW – Gunnar Brandt-Sigurdsson
# Mauricio Kagel – “Der Turm zu Babel” (2002) Melodien für eine Solostimme (Auswahl) – Kai Wessel
# Martin Schüttler – “schöner leben 1″ (music for K. C.) (2008) für Countertenor mit E-Piano, Megaphon, Verstärkungen, Zuspielungen, Maske & Pistole (Text: Kurt Cobain) – Gunnar Brandt-Sigurdsson
# Józef Koffler – ”Streichtrio” op. 10 (1928) – Kaleidoskop